Villa ten Hompel Münster
Münster: Villa ten Hompel Orte der Polizeigeschichte
Daten und Fakten
Der heutige Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster – ehemalige Fabrikantenvilla, Sitz der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus, Ort der Entnazifizierung und Dezernat für Wiedergutmachung im Nachkriegsdeutschland – bietet heute Raum für die Auseinandersetzung mit geschichtlichen und aktuellen Themen zwischen Erinnerungskultur und Demokratieförderung am historischen Ort.
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Bei Kriegsende Ostern 1945 war die Villa ten Hompel eines der wenigen nicht zerstörten Verwaltungsgebäude in Münsters Innenstadt. Schnell zogen wieder neue Behörden ein: Der Landespolizeipräsident für die Provinz Westfalen hatte seinen Dienstsitz in der Villa von Mai 1945 bis zur Auflösung des Amts mit Neugründung des Landes NRW im Herbst 1946.
Zu seinen Aufgaben gehörten Neuaufbau und politische Überprüfung der deutschen Polizei. Vor dem "Polizei Entnazifizierungs-Hauptausschuss" musste sich jeder Polizist im Stadtkreis Münster auf seine individuelle politische Belastung hin prüfen lassen. Damit wurde in der Villa über Entlassung oder Weiterbeschäftigung der Münsteraner Polizisten entschieden.
Nach der Übertragung der Verantwortlichkeit in deutsche Hände Ende 1947 arbeiteten Politik und Verwaltung auf ein Ende der Entnazifizierung hin, gleichzeitig nahm die öffentliche Kritik immer schärfere Formen an. Überwiegend wurden nur noch Revisionen und Fragen der Wiedereinstellung vor einem "Berufungsausschuss" verhandelt. Ein Teil der örtlichen "Funktionselite" erreichte so die Wiedereinstellung in das ehemalige Amt oder eine verbesserte Pension – wie auch der ehemalige Befehlshaber der Ordnungspolizei, Dr. Heinrich Lankenau.
Seine Diensträume überließ der Berufungsausschuss in der Villa ten Hompel 1951 wieder dem Vermieter, der ebenfalls seit 1945 hier beheimateten Wasserschutzpolizei.
Bis zu seiner Auflösung 1968 hatte das Wiedergutmachungsdezernat der Bezirksregierung seinen Sitz an der Stätte, an der Beamte nur wenige Jahre zuvor das NS-Regime aktiv unterstützt hatten. In der Villa ten Hompel arbeiteten 1953 ein halbes Dutzend Angestellte und Beamte der Bezirksregierung, Ende der 1950er Jahre waren es bis zu 20. Der Leiter des Dezernats, Dr. Hans Kluge, war selbst ein politisch Verfolgter. Die Regierung achtete bewusst darauf, dass vor allem junge, unbelastete Beamte in der Villa tätig waren.
Der Staat glich häufig durch Geldmittel aus und das zumeist auf geringem Niveau. Insgesamt stellten im Dezernat rund 12.000 Personen aus dem gesamten Regierungsbezirk Münster einen Antrag, 100 Millionen Mark wurden bezahlt. Zahlreiche Verfolgtengruppen fielen jedoch aus der Entschädigung heraus, darunter die Zwangssterilisierten, die Euthanasieopfer, die ausländischen Zwangsarbeiter, die Homosexuellen oder münsterländische Frauen, die sexuelle Kontakte zu Zwangsarbeitern gehabt hatten.
Obwohl das Dezernat in der Villa ten Hompel für viele Verfolgte sorgte, saßen hier nach dem Krieg doch wieder Beamte, die auf der Basis eines Gesetzes und gemäß strenger Verwaltungsvorschriften über "gute" und "schlechte" NS-Opfer zu entscheiden hatten. Sie mussten sich dabei auf die Gedankengänge der nationalsozialistischen Bürokraten einlassen, da auch sie die Opfer wieder in Gruppen und in schwer oder minder schwer Verfolgte einteilen mussten.
Soll Münster ein Mahnmal für die während der NS-Herrschaft deportierten und größtenteils ermordeten Jüdinnen und Juden erhalten oder einen vitalen Geschichtsort in demjenigen Gebäude, in dem ab 1940 die für die Bewachung der Deportationszüge verantwortlichen Polizisten in grüner Uniform ihren Dienstsitz hatten? Das war zugespitzt die Diskussion ab Beginn der 1990er Jahre, als der Historiker Winfried Nachtwei erstmals die Geschichte der Villa des ehemaligen „Zementkönigs“ Rudolf ten Hompel am Kaiser-Wilhelm-Ring als nationalsozialistische Polizeidienststelle untersuchte. Zusammen mit Partnern aus der Stadtgesellschaft, der Erinnerungskultur und der Universität konnte ein innovatives Nutzungskonzept für den Geschichtsort entwickelt werden. Das zivilgesellschaftliche Engagement mündete in der Eröffnung als Geschichtsort am 13. Dezember 1999 auf Grundlage des Beschlusses des Rates der Stadt Münster. Am "authentischen Ort" entstand so ein multifunktionales Institut zum Forschen, Gedenken und Erinnern, ein Geschichtsort.
Die Villa ten Hompel ist stark durch ihre Vernetzungen vor Ort. Exemplarisch stehen dafür Kooperationen mit der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit, mit Münsters Hochschulen oder mit der Akademie Franz Hitze Haus. Der Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW wird von hier geführt. Bundesweite Kontakte ermöglichen Projekte mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Maximilian-Kolbe-Werk oder mit der Initiative Gegen Vergessen – Für Demokratie.
Die Villa ten Hompel hat internationales Renommee und repräsentiert Münster global, egal ob in den nahe gelegenen Niederlanden an der dortigen Polizeiakademie, in Münsters polnischer Partnerstadt Lublin bei der dortigen KZ-Gedenkstätte Majdanek, in Israel in Yad Vashem – dem World Holocaust Remembrance Center - oder bei Kooperationen mit dem United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C.
Neben Forschung und Sammlung ist seit 20 Jahren die innovative Geschichtsvermittlung und Erinnerungskultur die dritte tragende Säule. Die Besucherzahlen stiegen von schon beachtlichen 7.000 im Jahr 2001 auf mehr als 33.000 im Jahr 2018 – noch immer ist die Tendenz steigend. Schülerinnen und Schüler prägen unter der Woche das Bild der Villa ten Hompel. Zahlreiche Schulklassen nutzen didaktische Angebote wie Thementage oder das Programm der Gedenkstättenfahrten. Auch viele Polizistinnen und Polizisten aus NRW kennen den Ort durch Seminare, aber auch Soldaten, Juristen, Vollzugsbeamte und weitere Berufsgruppen nutzen den Geschichtsort nicht nur für historischen Erkenntnisgewinn, sondern besonders für die persönliche Schärfung des eigenen ethischen Kompasses im Berufsalltag.
Öffentliche Vorträge wie die Reihe "Mittwochsgespräche", Lesungen, Podiumsdiskussionen oder Tagungen machen "die Villa" zu einem der Zentren der städtischen Debattenkultur rund um Geschichte, Politik und Gesellschaft. Die Begleitung und das gemeinsame Auftreten mit überlebenden Verfolgten des NS-Regimes gehörte und gehört zu den emotionalsten Aufgabengebieten. Und auch wenn sich das Zeitalter der NS-Zeitzeugen bald dem Ende entgegenneigt, haben die Bezirksregierung Münster und die Villa ten Hompel mit dem Programm "Erinnerungspaten" ein Format entwickelt, das die eindringliche Vermittlung von persönlich erlebtem Unrecht in der Gegenwart und Zukunft weiter präsent hält.
Rassismus und Antisemitismus sind leider keine Phänomene nur der Vergangenheit. Deshalb arbeitet seit mittlerweile 10 Jahren im Haus ebenfalls mit großem persönlichem Engagement das Team der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster (mobim) gegen aktuelle Erscheinungsformen, die nicht nur am rechten Rand virulent sind, sondern teils aus der Mitte der Gesellschaft kommen.
Bürgerinnen und Bürger nutzen sehr rege die Gelegenheit, wissenschaftliche Anfragen an das Historikerteam der Villa ten Hompel zu stellen. Zumeist geht es um familiäre Verbindungen in die NS-Zeit, sowohl in Täter- als auch Verfolgtenperspektive.
Bei allen Aktivitäten des Geschichtsorts Villa ten Hompel steht der Mensch im Mittelpunkt. Die geschichtswissenschaftliche Forschung ist Ausgangspunkt der innovativen musealen und pädagogischen Vermittlung. Bürgerinnen und Bürger tragen ihre Geschichten ins Haus durch Vor- und Nachlässe aus ihrem familiären Umfeld. Und nicht zuletzt stärken ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr Engagement.
Seit 20 Jahren ist so in der Villa ten Hompel Geschichte partizipativ im Gespräch – nachdenklich, selbstkritisch und offen für den Dialog.
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