EvAWiD Evaluation der Anwendung und Wirkung von Distanzelektroimpulsgeräten (DEIG) im Wachdienst der Polizei
- Projektzeitraum ( - )
- Drittmittelprojekt
- abgeschlossen
- Externes Projekt | IM NRW
Forscher/in
Zu den Anforderungen in polizeilichen Einsatzsituationen zählen gewalttätige Auseinandersetzungen mit Adressaten polizeilicher Maßnahmen. Nach Strafverschärfungen bei körperlichen Angriffen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte und der Erweiterung von Maßnahmen zur Eigensicherung wie Schutzwesten und Bodycams werden seit 2021 zusätzlich Distanzelektroimpulsgeräte (DEIG) im Wachdienst ausgewählter Behörden der Polizei in Nordrhein-Westfalen eingeführt und getestet.
Hintergrund

Hintergrund der Einführung des DEIG ist die Erkenntnis, dass das Verletzungsrisiko der Polizeibeamtinnen und -beamten und der Adressaten polizeilicher Maßnahmen am größten ist, wenn zur Durchführung einer polizeilichen Maßnahme unmittelbarer Zwang beziehungsweise körperliche Gewalt angewendet wird (Ellrich, Baier & Pfeiffer 2011; Jager, Klatt & Bliesener 2013). Zwar lassen sich Einsatzsituationen unter bestimmten Umständen auch durch deeskalierende Kommunikation (Kersting, Naplava & Reutemann 2021; Lorei 2021; Staller, Koerner & Zaiser 2023) und die Bodycam beruhigen (Kersting et al. 2017), doch besondere Herausforderungen für die Polizeibeamtinnen und -beamten ergeben sich vor allem durch bewaffnete Personen in Einsatzsituationen. Das DEIG dient daher dazu, polizeiliche Maßnahmen in statischen Einsatzsituationen mit bewaffneten Personen, von denen keine unmittelbaren Angriffstendenzen gegen andere ausgehen, bei Minimierung der Eigengefährdung und des Verletzungsrisikos anderer durchzuführen.
Die Studie
Ziel der Evaluationsstudie ist es, die Anwendung und Wirkung des DEIG in Einsatzsituationen zu untersuchen und die Anforderungen an die Aus- und Fortbildung zur Nutzung des DEIG zu beleuchten. Die besondere Herausforderung besteht dabei darin, in Bezug auf das DEIG die Vielschichtigkeit des Feldes der beruflichen Praxis der Polizei als Untersuchungsgegenstand angemessen abzubilden. Dazu bedarf es einer gewissen methodischen Vielfalt, die die Komplexität üblicher empirischer Studien übertrifft.
Themenbereiche
Die Evaluation der Anwendung und Wirkung des DEIG im Wachdienst ausgewählter Polizeibehörden umfasst vier Themenbereiche:
Damit eine eingeführte neue Technik von den Polizeibeamtinnen und -beamten auch genutzt wird, ist eine einfache und effektive Handhabung Voraussetzung (Praktikabilität). Des Weiteren ist für die Bewertung des DEIG relevant, wie häufig diese in welchen typischen Einsatzsituationen genutzt werden (Anwendung) und welche Wirkung der Einsatz des DEIG entfaltet (Wirkung). Schließlich ist für die Gewährleistung einer adäquaten Nutzung des DEIG eine an den praktischen und rechtlichen Erfordernissen angemessene Schulung notwendig (Aus- und Fortbildung).
Methoden
Aufgrund der Vielschichtigkeit des Forschungsgegenstands und der Differenziertheit der Leitfragen ist für die Analyse der einzelnen Themenbereiche eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden erforderlich.
Analyse Polizeidaten
Für die Beantwortung der Leitfragen zur Anwendung und zur Wirkung des DEIG werden unter anderem vorhandene Polizeidaten analysiert. Zum einen sind dies die Daten, die im Rahmen des Pilotprojekts durch die Projektgruppe im LZPD NRW erhoben wurden und aktuell erhoben werden. Zum anderen werden die Rohdaten der Polizeilichen Kriminalstatistik NRW (PKS NRW) zu tätlichen Angriffen und Widerstandshandlungen mit Polizeibeamtinnen und -beamten als Opfer in die Untersuchung einbezogen.
Quantitative Befragung
Die quantitative Befragung der Polizeibeamtinnen und -beamten adressiert die Forschungsfragen zur Praktikabilität, Anwendung und Wirkung des DEIG sowie zur Aus- und Fortbildung. Befragt werden alle Polizeibeamtinnen und -beamten des Wachdienstes in NRW im Rahmen einer Onlinebefragung. Das bedeutet, dass sowohl Polizeibeamtinnen und -beamte befragt werden, die bereits mit dem DEIG ausgerüstet wurden und solche, die bisher noch nicht mit dem DEIG ausgestattet wurden. Durch die Kontrastierung der Befunde aus den beiden Gruppen werden mit Blick auf die leitenden Fragestellungen weiterführende Erkenntnisse erwartet.
Qualitative Datenerhebungen
Die qualitativen Datenerhebungen haben einen explorativen Charakter und sollen unter anderem die Dimensionen offenlegen, die in der quantitativen Befragung abzubilden sind. Bei der Auswahl der Interviewpartner wird eine gewisse Heterogenität geachtet (Geschlecht, Diensterfahrung und Struktur der Kreispolizeibehörden (LR und PP)). Relevante Dimensionen, die die Aus- und Fortbildung betreffen, werden ebenfalls durch leitfadengestützte Interviews beleuchtet. Dazu werden Bedienstete des LAFP NRW (Multiplikatorenausbilder) ebenso in die Untersuchung einbezogen, wie Multiplikatoren in den Kreispolizeibehörden.
Qualitative Beobachtung der Aus- und Fortbildung
Im Rahmen der Datenerhebungen durch Interviews mit Bediensteten der Aus- und Fortbildung können diese naturgemäß ausschließlich die ihnen bewussten Dimensionen vermitteln. Gegebenheiten, die außerhalb des subjektiven Bewusstseins Einfluss auf die Aus- und Fortbildung haben, werden durch die Methode der teilnehmenden Beobachtungen sichtbar gemacht.
Die zentralen Themenbereiche und Methoden werden in der nachfolgenden Matrix zusammengefasst.
Matrix
| Praktikabilität | Anwendung | Wirkung | Aus- und Fortbildung | |
|---|---|---|---|---|
| Polizeidaten | ||||
| Quantitative Befragung PVB | ||||
| Qualitative Befragung PVB | ||||
| Qualitative Beobachtung Aus- und Fortbildung |
Kontakt
Literatur
- Ellrich, K., Baier, D. & Pfeiffer, C. (2011): Gewalt gegen Polizeibeamte. Befunde zu Einsatzbeamten, Situationsmerkmalen und Folgen von Gewaltübergriffen. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen.
- Jager, J., Klatt, T. & Bliesener, T. (2013): Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Die subjektive Sichtweise zur Betreuung und Fürsorge, Aus- und Fortbildung, Einsatznachbereitung, Belastung und Ausstattung. Kiel: Universität zu Kiel.
- Kersting, S., Naplava, T., Reutemann, M., Heil, M. & Scheer-Vesper, C. (2017). Die deeskalierende Wirkung von Bodycams im Wachdienst der Polizei Nordrhein-Westfalen: Abschlussbericht. Gelsenkirchen: Institut für Polizei- und Kriminalwissenschaft der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW.
- Kersting, S., Naplava, T. & Reutemann, M. (2021): Polizeiarbeit im Lichte gesellschaftlicher Entwicklungen – Ein Plädoyer für die Erforschung von Kommunikationsstrategien im polizeilichen Wachdienst. In: Die Polizei, 111(5), S. 185-190.
- Lorei, C. (2021): Kommunikation statt Gewalt. Zur Praxis der Deeskalation von Polizeibeamten in Einsatzlagen. In: Kriminalistik, 1/2021, S. 16-23.
- Staller, M.S., Koerner, S. & Zaiser, B. (2023): Stochastische Gewalt: unangemessene polizeiliche Gewaltanwendung und problematische Interaktionen als Folge systeminterner Kommunikation. In: Forensische Psychiatrie, Psychologische, Kriminologie, 17, S. 114-123.